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Das Philharmonische Tagebuch

Mo, 19. Mai 2003

 

Der Fernambukbaum und seine Bedeutung

Am 24. November 2002 fand im Großen Konzerthaussaal eine bemerkenswerte Veranstaltung statt - ein Benefizkonzert zur Rettung des Fernambukbaumes, an dem neben Heinrich Schiff und dem auf dem Gebiet der virtuosen Kammermusik völlig neue Wege gehenden, von Aleksey Igudesman (Violine), Daisy Jopling (Violine) und Tristan Schulze (Violoncello) gebildeten Ensemble "Triology" auch das "Wiener Geigenquartett" teilnahm.

Der brasilianische Nationalbaum Fernambuk ist lediglich in der Mata Atlantica, den Hügeln und Ebenen des subtropischen Atlantischen Regenwaldes, beheimatet. Nach der Entdeckung Südamerikas zählte Fernambuk zu den größten Schätzen, die aus der Neuen Welt nach Europa kamen: Der intensive rote Farbstoff, der aus seinen Holzfasern gewonnen werden kann, war von den ansonsten auf einige wenige, sehr teure rote Farbstoffe wie etwa Purpur angewiesenen Tuchfärbern äußerst begehrt. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts ist Fernambuk auch im Bogenbau nachweisbar; das Wirken von François Tourte (1747-1835), dem ursprünglich als Uhrmacher tätigen, bis heute unerreichten "Stradivari des Bogens", der seine Meisterwerke beinahe ausschließlich aus über Kohlenfeuer gebogenen Fernambukstangen verfertigte, bewirkte einen Siegeszug dieses Holzes: Seine klanglichen, physikalischen und mechanischen Eigenschaften, also etwa die Festigkeit, Flexibilität und vor allem die Fähigkeit, die Biegung zu halten, bewähren sich seit beinahe einem Vierteljahrtausend, und Bogenmacher wie Musiker sind sich darüber im klaren, daß es zu Fernambuk keine Alternative gibt.

Schätzungen zufolge umfaßt die Mata Atlantica heute nur noch fünf bis zehn Prozent jener Fläche, die sie im 16. Jahrhundert einnahm, was bedeutet, daß auch der Weiterbestand des Fernambuk massiv bedroht ist. Angesichts dieser Tatsache haben sich vor zwei Jahren Bogenmacher aus 18 Nationen zusammengeschlossen, um in Kooperation mit Experten aus Land- und Forstwirtschaft und Naturschutz konkrete Maßnahmen zum Schutz dieses einzigartigen Baumes zu ergreifen: Ohne Fernambuk ist nicht nur der (seltene) Berufsstand des Bogenmachers bedroht, sondern es würde auch die Nutzung der existierenden Bögen in dramatischem Ausmaß erschwert, wenn die Spezies unter das Artenschutzprogramm fällt. Mittlerweile hat sich die "International Pernambuco Conservation Initiative" (I.P.C.I.) gebildet, die derzeit 220 Mitglieder umfaßt und von diversen nationalen Geigenbauer- und Bogenmacherverbänden unterstützt wird. Die Vorstellung, daß diese Gruppe eine Rolle bei der Erhaltung wichtiger Elemente des brasilianischen Regenwaldes spielen könne, stieß anfangs auf Skepsis, die aber aufgrund beachtenswerter Erfolge geschwunden ist: Um das Überleben des Fernambukbaumes effizient zu sichern, wurden Maßnahmen zur Wiederanpflanzung gestartet und mit Kooperationspartnern in Bahia ein Programm unterzeichnet, das neben der wissenschaftlichen Erforschung des Baumes die Pflanzung und Pflege von zunächst 500.000 Setzlingen vorsieht. Die Kosten liegen bei 1.250.000,- Euro, was bedeutet, daß zur Übernahme der Patenschaft für einen Setzling bereits 2,50 Euro genügen.

Obwohl das von den Bogenmachern benötigte Holz nur einen verschwindend kleinen Bruchteil ausmacht, hat diese Berufsgruppe somit eine Initiative gestartet, deren Zielsetzung in Anlehnung an die Strategien der großen Umweltorganisationen zur Erhaltung der Wälder die Vergrößerung des Bestandes an Fernambukbäumen und deren nachhaltige Nutzung ist, wobei (in Übereinstimmung mit der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt) der für die weitgehende Zerstörung der Mata Atlantica mitverantwortliche falsche Weg der Monokultur vermieden wird: Neben der Brandrodung für Weideland ist vor allem der exzessive Anbau von Eukalyptusbäumen die größte Gefahr, weil nach der Ernte dieser für die Duftstoff- und Papierindustrie so wichtigen Pflanze (Brasilien exportiert jährlich mehr als fünf Millionen Tonnen Zellulose!) ein total ausgelaugter, d. h. nährstoffarmer Boden zurückbleibt. Die Partnerschaft der I.P.C.I. mit dem "Brasilianischen Zentrum für Entwicklung und Kakao" (CEPLAC) basiert auf der Rückbesinnung auf traditionelle Methoden und sieht den gemeinsamen Anbau von Wald und Kakao vor, der doppelten Vorteil hat: Das Dach des Waldes spendet den für Kakao lebensnotwendigen Schatten, während im Zuge der Aufforstung viele verschiedene Baumarten, unter ihnen auch Fernambuk, geschützt und vermehrt werden können.

Die Finanzierung der kulturell wie ökologisch gleichermaßen bedeutenden Vorhaben der I.P.C.I. erfolgte bisher beinahe ausschließlich durch die diversen Geigenbauer- und Bogenmacherverbände, wobei einige Bogenmacher die Projekte mit einem gewissen Prozentsatz ihres Umsatzes unterstützen. Mittlerweile ist die Initiative so weit etabliert, daß sie auch andere Finanzierungsmöglichkeiten suchen kann. So organisierte Thomas M. Gerbeth, Präsident des Vereines Österreichischer Geigen- und Bogenbaumeister und österreichischer Landesdelegierter der I.P.C.I., nicht nur das oben erwähnte Konzert, dessen Ehrenschutz Nikolaus Harnoncourt übernahm, sondern gewann auch die Wiener Philharmoniker für eine Patenschaft der besonderen Art: Auf Beschluß des Verwaltungsausschusses wurden zwei Karten für das Neujahrskonzert 2003 gespendet, die im Rahmen einer Auktion im Internet zur Versteigerung gelangten. Der Erfolg: Die dabei erzielten 4.100,- Euro bedeuten den Anbau von immerhin 1.640 Fernambukbäumen.

Der künstlerische Beitrag unseres Orchesters bestand in der Bereitschaft des "Wiener Geigenquartetts", am Benefizkonzert im Großen Konzerthaussaal mitzuwirken. Dem Publikum wurden dabei nicht nur Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, Franz Schubert, Joseph Lanner, Johann Strauß (Vater und Sohn) und Johannes Brahms geboten, sondern auch eine Welturaufführung: Dem Anlaß entsprechend gelangte der (teilweise von Niccolò Paganini inspirierte) "Fernambuk-Walzer", op. 10, von Günter Seifert, dem Primarius des Ensembles, zur Premiere. -

Falls Sie nähere Auskünfte über die Ziele und Projekte der "International Pernambuco Conservation Initiative" wünschen, wenden Sie sich bitte an I.P.C.I-Deutschland e.V.-Austria, z. H. Thomas M. Gerbeth, Margaretenstraße 79/2, 1050 Wien; Tel.: 350 68 00; Fax: 350 68 01; E-mail: bogenbau@gerbeth.at.
1 Allgemeine Theaterzeitung, Nr. 99, 25. April 1846, S. 396.
2 Allgemeine Wiener Musikzeitung, Nr. 91, 1846.
3 Zitate aus einem Gespräch mit Heinz Sichrovsky im Rahmen der Reihe "Meisterstunden" im Haus der Musik, 17. November 2001.

 

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