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Das Philharmonische Tagebuch

Aktivitäten 2011

Fr, 04. Februar 2011

Aktivitäten

 

Neujahrskonzert 2011 mit Franz Welser-Möst

Beim Neujahrskonzert 2011 gab es zwei Debüts: Franz Welser-Möst, seit Beginn dieser Saison Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, dirigierte (als fünfzehnter Dirigent in der Geschichte des Neujahrskonzert und als siebter Österreicher nach Clemens Krauss, Joseph Krips, Willi Boskovsky, Herbert von Karajan, Carlos Kleiber und Nikolaus Harnoncourt) zum ersten Mal die traditionelle Hommage an die Strauß-Dynastie; und Franz Liszt, der einstige "König der Virtuosen", war anlaßlieh seines 200. Geburtstags, den die Musikwelt am 22. Oktober 2011 feiert, erstmals mit einem eigenen Werk im Programm vertreten.

Der erste Teil des Konzerts orientierte sich an der Biographie bzw, an der Familiengeschichte von Franz Welser-Möst: Drei der sechs Werke, "Reiter­marsch", "Donauweibchen" sowie "Muthig voran!", sind nach Motiven der 1887 entstandenen Operette "Simplicius" komponiert, die auf grund des wenig überzeugenden Textbuchs bei ihrer Uraufführung im Theater an der Wien kein Erfolg war und seither nur selten auf den Spielplänen anzutreffen ist. Franz Welser­Möst brachte das Werk im "Strauß-Jahr" 1999 in Zürich zur international beachteten Schweizer Erstaufführung, und die genannten Einzelkompositionen bildeten die thematische Klammer des ersten Teiles des Neujahrskonzerts 2011.

Zwei der anderen drei Werke führten in die Familiengeschichte des Dirigenten: Seine Urgroßmütter Aloisia Wild, geb. Dornmayer (1867-1904), war die Enkelin von Ferdinand Dommayer (1799-1858), der im Jahre 1832 die von seinem Schwiegervater übernommene Gastwirtschaft in Alt-Hietzing zu einem Casino mit Tanzsaal ausbaute. Zur unerhörten Beliebtheit, derer sich das Lokal erfreute, kam bald musikhistorischer Ruhm: achdem bereits Johann Strauß Vater und Joseph Lanner hier aufgetreten waren, gab 1844 der neunzehn­jährige Johann Strauß Sohn sein Debüt und profilierte sich in der Folge mit zahlreichen Konzerten als neuer "Walzerkönig". Im "Dommayer" gelangten mehrere seiner Kompositionen zur Uraufführung, darunter die "Debut­Quadrille", sein Opus 2, und die "Amazonen-Polka", also zwei Werke, die am 1. Jänner 2011 - ebenso wie "Muthig voran!" - erstmals auf dem Programm eines Neujahrskonzerts standen. Das Casino Dommayer befand sich in prominentester Nachbarschaft, nämlich zu Schloß Schönbrunn, und daher waren "Die Schönbrunner", der wohl berühmteste Walzer Joseph Lanners, ein "logischer" Bestandteil des ersten Teils des Neujahrskonzerts 2011.

Der fulminante Csardas aus "Ritter Pasman" erinnerte daran, daß Johann Strauß' einzige Oper im Jahre 1892 an der Wiener Hofoper uraufgeführt wurde, und bildete gleichzeitig die Uberleitnng zu einer "Hommage an Franz Liszt". Als der ganz Europa faszinierende Künstler anlaßlieh des 100. Geburtstags von Wolfgang Amadeus Mozart am 27./28. Jänner 1856 zwei Festkonzerte der Wiener Philharmoniker dirigierte, widmete ihm Johann Strauß Sohn den Walzer "Abschiedsrufe" , wobei er dem Vorbild seines Vaters folgte: Bereits 1839 hatte Johann Strauß sen. seine Verehrung gegenüber dem großen Musiker durch den hinreißenden "Furioso-Galopp nach Liszt's Motiven" zum Ausdruck gebracht (der am 1. Jänner 2011 nach 1999 und 2007 zum dritten Mal auf dem Programm des Neujahrskonzerts stand). Den Reverenzen der beiden "WalzerkÖnige" folgte ein Werk des musikalischen Jahresregenten, das seinerseits eine Auseinandersetzung mit einem der faszinierendsten musikalischen Phänomene darstellt - Franz Liszts "Mephisto- Walzer" Nr. 1.

Als Johann Strauß im Sommer 1869 zum elften Mal nach Pawlowsk bei St. Petersburg reiste, drängte er seinen Bruder Josef, ihn zu begleiten und abwechselnd die Konzerte zu dirigieren. Josef Strauß war oft kränkelnd, und die monatelange Trennnng von Frau und Tochter fiel ihm äußerst schwer. Kurz nach dem Eintreffen in Pawlowsk drückte er diese Empfindungen in einer Polka mazur aus, die er "Aus der Ferne" betitelte. Caroline Strauß wußte, was Josef meinte; zur gleichen Zeit sandte er ihr einige Zeilen aus Pawlowsk: "Immer mit Dir, nur durch Dich, und ewig für Dich!" Ein Jahr später starb Josef Strauß, das vielleicht genialste Mitglied der Komponistendynastie, knapp vor seinem 43. Geburtstag in Wien. Im Programm des Neujahrskonzerts 2011 war diese sensible musikalische Liebeserklärung die Überleitung zu einem Ausflug "in die Ferne", im konkreten Fall auf die iberische Halbinsel: Der elegante "Spanische Marsch" von Johann Strauß Sohn und der durch die legendäre Tänzerin Fanny Elßler (1810-1884) inspirierte "Cachucha-Galopp" von Johann Strauß Vater umrahmten den "Zigeunertanz" aus dem Ballett "Die Perle von Iberien" - ein brillantes Werk Josef Hellmesbergers, der bereits mit vierzehn Jahren Primgeiger der Wiener Philharmoniker wurde, später zu deren Konzertmeister auf­stieg und schließlich von 1901 bis 1903 die Abonnementkonzerte unseres Orchesters dirigierte und während dieser beiden Jahre auch als Vorstand fungierte.

"Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust" - einer der großen Konzertwalzer von Josef Strauß beendete das "offizielle" Programm des Neujahrskonzerts 2011: Optimismus und Elan, die dieses Werk so überzeugend vermittelt, waren als Wunsch für das Neue Jahr sowie für das Wirken Franz Welser-Mösts als Generalmusikdirektor der Wien er Staatsoper gedacht. Die Schnellpolka "Ohne Aufenthalt", die am 1. Jänner 2011 als erste Zugabe vor dem traditionellen Abschluß mit "Donauwalzer" und .Radetzkvmarsch" gespielt wurde, stellte eine "Komplettierung" der Strauß-Dynastie im Programm dieses Neujahrskonzerts dar: Neben seinem Vater Johann und seinen Brüdern Johann und Josef war damit auch Eduard Strauß vertreten.

Wie bereits in den Jahren 2009 und 2010 war ROLEX der Exklusivsponsor des Konzerts, die weltweite TV-Vermarktung erfolgte wiederum durch die Luzerner Firma T.E.A.M. Marketing AG. An der Pressekonferenz der Wiener Philharmoniker am 27. Dezember 2010 nahm neben Franz Welser-Möst und ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz auch Kommerzialrat Emil Steffek, Obmann der Wiener Gärtner, in Vertretung des Bürgermeisters von Sam Remo teil: Die "Stadt der Blumen" an der Riviera übernimmt seit 30 Jahren den Blumenschmuck des Goldenen Saales, wobei die floralen Kunstwerke von den Wiener Gärtnern und Floristen arrangiert werden. Der Pressekonferenz folgte ein "Media Day" für Kommentatoren diverser ausländischer TV- und Rundfunkanstalten. Der ORF übertrug das Neujahrskonzert zum 53. Mal, die Sendung wurde (mit Hilfe der European Broadcasting Union) von 74 Ländern übernommen und in Osterreich von 1,17 Millionen Menschen gesehen (nationaler Marktanteil: 65 Prozent).

Selbstverständlich gingen der Matinee am 1. Jänner das Silvesterkonzert bzw. die Voraufführung am 30. Dezember 2010 voran, bei welcher die obere Hälfte des Goldenen Saales dem Österreichischen Bundesheer vorbehalten bleibt, während aus dem Verkauf der Parkett- und Parterresitze auch diesmal wiederum von der Philharmonischen Hauptversammlung € 100.000,- an "Licht ins Dunkel" gespendet wurden, welche diese Institution an den Verein HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter), das SOS Kinderdorf Wien sowie erneut an die Katastrophenhilfe Österreichischer Frauen und das Wiener Hilfswerk weiterleitete.

 

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