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Das Philharmonische Tagebuch

Do, 10. November 2011

 

Kammermusikzyklus der Wiener Philharmoniker in der Wiener Staatsoper

Clemens Hellsberg
GEDANKEN ZUM KAMMERMUSIKZYKLUS DER WIENER PHILHARMONIKER IN DER WIENER STAATSOPER

Der 24. September 2011 ist ohne Zweifel ein bedeutendes Datum für unser Orchester: An diesem Samstagvormittag fand das erste Konzert im Rahmen des erstmals durchgeführten „Kammermusikzyklus der Wiener Philharmoniker in der Wiener Staatsoper" statt. Mit dieser zehn Konzerte umfassenden Veranstaltungsreihe wird ein Bogen geschlagen, der in die Vorgeschichte der Wiener Philharmoniker, nämlich in die Zeit Haydns, Beethovens und Schuberts reicht.

Im Winter 1804/05 stellte sich der Wiener Geiger Ignaz Schuppanzigh (1776-1830) einer bis dahin unbekannten künstlerischen Herausforderung, die zugleich ein nicht geringes Risiko für den zu diesem Zeitpunkt bereits durchaus arrivierten Künstler bedeutete: Er veranstaltete im Heiligenkreuzerhof die ersten öffentlichen Quartettkonzerte der Welt und schrieb damit Musikgeschichte. In den folgenden Jahrzehnten bis zu seinem Tod wurden diese Quartettzyklen zu einem musikalischen Markenzeichen Wiens und erlangten Kultstatus. Schuppanzigh selbst avancierte zu Beethovens bevorzugtem Interpreten und brachte dreizehn der sechzehn Streichquartette des Meisters zur Uraufführung.

Die gebildeten Zeitgenossen erkannten augenblicklich die Bedeutung von Schuppanzighs Initiative, und im Verlaufe der Jahrzehnte wurden seine Interpretationen als allgemein gültiger Maßstab betrachtet. „Jeder dieser 4 Künstler ist auf seinem Platze so vollständig, dass er unersetzbar zu seyn scheint, und Hr. Schuppanzigh weiss die Begeisterung, welche ihn durchströmt, so vollgiltig in seinen Mitwirkenden zu mehren, dass man nicht weiss, wirket er auf sie oder sie auf ihn. Diese Wechselwirkung ist aber so vollkommener Art, dass nie eine subordinirte Stimme ihre Gränzen überschreitet, wie dies so oft, zumahl bey concertanten Quartetten geschieht, wo jedes Instrument schon begierig auf die Stelle lauert, in welcher es das Recht zu haben scheint, sich recht ungenirt auszusprechen. Für alle, die das Quartettspiel lieben und ausüben, sind diese Produktionen eine wahre Schule rücksichtlich des Vortrages."

„Fremde Künstler, Kenner und Kunstfreunde, welche das eine oder andere dieser Quartette besuchten, versicherten, nie und nirgends etwas so Vollendetes in dieser Art Ausführung gehört zu haben. Wirklich waren die meisten dieser Productionen vollkommen zu nennen. [...] Auf solche Weise werden diese Quartette zur wahren Geschmacks- und Vortragsschule, und erhalten sich seit Jahren mit steigendem Beyfalle und Interesse [...]".

„Das nennt man im Geiste eines Tonsetzers spielen, das ist Declamation, das ist Vortrag! – Man hört so oft über den Verfall der Musik klagen; an einem Orte aber, wo derley Musik so gegeben, und von einem zahlreichen Publico so aufgefasst wird, sollte man derley Klagen nicht führen! Es ist von Schuppanzigh's Quartetten schon öfters gesagt worden, dass sie eine wahre Schule des Geschmacks seyen; man könnte sie eine Anstalt für den höheren Musik-Sinn nennen [...]".

„Die Begeisterung, welche ihn durchströmt"; „das nennt man im Geiste eines Tonsetzers spielen"; „wahre Schule des Geschmackes": Die Rezensenten fühlten, was Schuppanzigh für das Werk Beethovens empfand, wie er für dessen Schöpfer lebte. Es ist derselbe Geist, in dem Otto Nicolai im Jahre 1842 gemeinsam mit den Mitgliedern des Hofopernorchesters die Philharmonischen Konzerte gründete: „Beethoven's herrliche Schöpfungen dem Publicum immer so gut vorzuführen, als es möglich ist mit den Mitteln die man hat, und wenigstens mit der innigsten Liebe und Begeisterung – das ist meine Pflicht und eines Jeden, der in einer Stellung wie die meinige sich befindet" , schrieb er wenige Wochen vor der Gründung der Wiener Philharmoniker – ein Bekenntnis, das bis heute Bewunderung hervorruft und Verpflichtung bedeutet.

1828, also zwei Jahre vor seinem Tod, wurde Ignaz Schuppanzigh Konzertmeister des Hofopernorchesters, er wäre somit der erste Konzertmeister der Wiener Philharmoniker geworden, hätte er die zwölf Jahre später erfolgte Gründung unseres Orchesters erlebt. Was aber fortlebte, war sein Geist – und diese Feststellung ist keine euphorische Theorie aus historischer Sicht, sondern basiert auf den Aussagen der Zeitzeugen. Sämtliche Rezensenten erkannten bereits beim ersten Philharmonischen Konzert das wesentliche Kriterium dieser Aufführung und fanden dieselben Formulierungen wie einst für Schuppanzighs Produktionen: „Der Gedanke ist eben so glücklich als lobenswerth. Die Musik bekommt dadurch eine edlere Richtung, und der Kunst wird ihre angestammte Würde erhalten."  „Solche und ähnliche Concerte wären ein Damm gegen die einbrechende, überhandnehmende Concertsündfluth, gegen das grassirende Virtuosenthum und gegen den seichten Dilettantismus [...]. Weiß das Publicum, daß es ein solches Concert zu erwarten hat, so wird es für das Gewöhnliche ganz gleichgültig – und die Mittelmäßigkeit verzehrt sich von selbst" . Und der – zwar unerfüllbare, nichtsdestoweniger aber bis heute einzig gültige – Anspruch, den Nicolai und die beiden weiteren „Gründungsväter" August Schmidt und Alfred Becher stellten, war aus dem gleichen Geist geboren, der einst Schuppanzigh bei seinen Quartettproduktionen beseelte: „[...] in Wien philharmonische Konzerte zu geben, welche sich die Aufgabe stellen sollten, mit den besten Kräften, das Beste auf die beste Weise zur Aufführung zu bringen."

Kommen wir von der Vorgeschichte zur Geschichte der Wiener Philharmoniker. Sie ist ohne die Hofoper, ohne die Staatsoper nicht denkbar: Ohne die Oper gäbe es die Wiener Philharmoniker nicht, zumindest nicht in diesem musikalischen Erscheinungsbild. Wir sind in einer überaus privilegierten Situation: „Nur" in einem Konzertorchester zu spielen, bedeutet, niemals mit dem Kosmos Wagners oder Verdis konfrontiert zu sein, niemals Puccini zu spielen, niemals die Opern von Mozart oder Richard Strauss. Oper zu spielen bedeutet hingegen für ein Symphonieorchester, zusätzlich zu der mit dieser Literatur verbundenen Horizonterweiterung, zusätzlich zur permanenten Schulung durch das Hören auf die Bühne ständig mit dem natürlichsten aller Instrumente verbunden zu sein – mit der vox humana.

Eine weitere Säule, auf der die philharmonische Tätigkeit beruht, ist die Kammermusik. Die große und einzigartige Tradition, die sie in Wien hat, wurde am Beispiel Ignaz Schuppanzighs erläutert: Es ist kein Zufall, daß der nachmalige Konzertmeister des Hofopernorchesters die ersten öffentlichen Kammermusikkonzerte der Welt gab. Wiederum sind wir bei einem Kosmos: Die Kammermusik ist die vielleicht anspruchsvollste Musizierform, die es gibt, und es ist mittlerweile für jedes Spitzenorchester eine unumstößliche Tatsache, daß die Intensität, mit der seine Mitglieder die Kammermusik pflegen, in unmittelbarem Zusammenhang mit der Qualität des Gesamtorchesters steht.

Der weite Bogen vom Winter 1804/05 in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts wurde im Bewußtsein der Bedeutung der Kammermusik für das Orchesterspiel, im Bewußtsein der Bedeutung und Tradition, welche die Kammermusik in Wien hat, geschlagen. Die Tatsache, daß es sich um eine derart sensible Musikgattung handelt, bedeutet, daß man sich um sie mit größtem Wissen, Sachverstand und Einfühlungsvermögen bemühen muß. Staatsoperndirektor Dominique Meyer, seit jeher ein großer Liebhaber und Förderer der Kammermusik, griff mit Begeisterung eine in den Reihen unseres Orchesters immer wieder diskutierte und zuletzt von Professor Günter Seifert, Milan Šetena und Andreas Großbauer konkretisierte Idee auf: eine Kammermusik-Reihe der Wiener Philharmoniker in der Wiener Staatsoper zu veranstalten.

Es war ein Risiko, so wie es einst die Quartettzyklen Schuppanzighs waren, wie es das erste Philharmonische Konzert im Jahre 1842 war: Niemals wußte man vorher, wie das Publikum darauf reagieren würde. Die Antwort an jenem historischen 24. September 2011 war mehr als eindeutig: Die ursprünglich vorgesehenen 200 Plätze im „Gustav Mahler-Saal" der Wiener Staatsoper reichten bei Weitem nicht aus – an die 300 Menschen wollten diese Premiere miterleben, in deren Rahmen zwei Hauptwerke der Klavierkammermusik zur Aufführung gelangten, nämlich das Klavierquartett in g-Moll, op. 25, von Johannes Brahms sowie Franz Schuberts Klavierquintett in A-Dur, D 667, das einzigartige „Forellenquintett". Die Ausführenden waren Daniel Froschauer, Gerhard Marschner, Raphael Flieder und Michael Bladerer, am Klavier brillierte Maximilian Flieder, der 21jährige Sohn Raphael Flieders. Als Zugabe spielten die fünf Künstler ein Arrangement des Tanzes der „Fee Dragée" aus dem Ballett „Der Nußknacker" von Peter Iljitsch Tschaikowsky.

Wir sind für diese Initiative Direktor Dominique Meyers zutiefst dankbar, ist sie doch (nach dem Buch „Passion" von Lois Lammerhuber oder dem von der Wiener Staatsoper veranstalteten Gedenkkonzert der Wiener Philharmoniker anläßlich des 100. Todestages von Gustav Mahler am 18. Mai 2011) ein konkretes Resultat der optimalen Zusammenarbeit, wobei selbstverständlich weitere große Projekte in Planung sind. Der Dank erfolgt aus dem Geist und im Sinne der Kammermusik: Sie ist bei weitem nicht die spektakulärste Form des Musizierens, und dennoch verdanken wir ihr so viel, ist sie doch für alle Musikliebhaber eine Bereicherung des Lebens. Daß ihr am führenden Opernhaus der Welt ein so prominenter Platz eingeräumt wird, macht uns glücklich, erfährt doch die seit 1842 gegebene, enge Verbindung zwischen den Wiener Philharmonikern und der Oper im 170. Jahr ihres Bestehens eine weitere Vertiefung: Die Veranstaltung einer Philharmonischen Kammermusikreihe durch die Wiener Staatsoper verleiht der für beide Seiten so wichtigen Partnerschaft eine neue Dimension und bestätigt sie als „Symbiose" im idealen Sinn. Und es ist zu hoffen, daß der „Kammermusikzyklus der Wiener Philharmoniker in der Staatsoper" zu einer ähnlichen Tradition wird wie die Philharmonischen Abonnementkonzerte!

 

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