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Das Philharmonische Tagebuch

Di, 15. Juli 2014

Dr. Clemens Hellsberg

Nachrichten

 

Zum Gedenken an Lorin Maazel

Mit Lorin Maazel, der am 13. Juli 2014 in Castleton (Virginia) starb, verlor die Musikwelt eine ihrer faszinierendsten und vielseitigsten Persönlichkeiten, während die Wiener Philharmoniker gleichzeitig von einem der treuesten Freunde, den sie je hatten, Abschied nehmen müssen: Die Zuneigung des Maestros zu unserem Orchester stellt in unserer mittlerweile 172jährigen Geschichte ein ebenso einzigartiges wie bewegendes Kapitel dar.

Seit seinem Debüt im Mai 1962 war Lorin Maazel ein „Fixstern“ im philharmonischen Geschehen, das er durch 52 Jahre zu einem wesentlichen Teil prägte: Die 79 Vorstellungen in der Wiener Staatsoper hinzu gerechnet, dirigierte er unser Orchester in 513 Aufführungen, darunter 83 Abonnementkonzerte (je 40 im Samstag-Sonntag-Zyklus sowie drei Philharmonische Soiréen), 165 Konzerte im Ausland, über hundert Auftritte bei den Salzburger Festspielen und elf Neujahrskonzerte.

Die mehr als ein halbes Jahrhundert währende Zusammenarbeit ist mit bleibenden Erinnerungen verbunden – etwa an große Auslandstourneen (Japan/Korea 1980, Europa 1985, Südamerika 1985 und 1999, Europa 2010, Europa/USA 2012, Europa 2013), an exemplarische Opernabende bei den Salzburger Festspielen, an die elf Neujahrskonzerte zwischen 1980 und 2005 oder an die Uraufführung der beiden Auftragswerke („Farewells – Symphonic Movement“ sowie die Orchestersuite „1984“), welche die Wiener Philharmoniker an Lorin Maazel anläßlich seines 70. bzw. 80. Geburtstags vergaben. Unvergeßlich auch das „Sommernachtskonzert Schönbrunn 2013“, das bei Regen, Wind und einer Anfangstemperatur von 11 Grad Celsius stattfand und nach dessen Ende der Maestro gestand, er habe seine Finger nicht mehr gespürt, „so kalt war es“. Er  staunte, wie wir mit klammen Fingern neunzig Minuten lang gespielt hätten, und betonte auf seinem Blog: „Ich habe jede Minute dieses verrückten, fabelhaften Abends geliebt.“

Lorin Maazel bei einer Probe mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein Lorin Maazel bei einer Probe mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein | + Selbstverständlich steht bei einer Schilderung der Zusammenarbeit zwischen einem Dirigenten (bzw. Solisten und Komponisten) und einem Orchester die künstlerische Leistung im Vordergrund, und selbstverständlich faszinierte uns die phänomenale Dirigiertechnik des Maestros ebenso wie seine musikalische Gestaltungskraft und geistige Brillanz, die unerhörte Arbeitsleistung und das nie erlahmende Interesse an philosophischen, politischen und gesellschaftspolitischen Fragen. In einer Darstellung der Beziehung von Lorin Maazel zu den Wiener Philharmonikern muß aber eine weitere Kategorie in den Vordergrund rücken – die eingangs erwähnte Treue. „Zufall ist Gotteslästerung. Nichts unter der Sonne ist Zufall“: Das berühmte Zitat aus Gotthold Ephraim Lessings Schauspiel „Emilia Galotti“ ist oftmals anwendbar, wenn man sich der Geschichte der Wiener Philharmoniker auf faktengestützter, aber gleichzeitig emotionaler Basis nähert. Und auch hinsichtlich der Beziehung zu Lorin Maazel bewahrheitet sich das Wort des großen deutschen Dichters und Humanisten: Es ist kein Zufall, daß die Zusammenarbeit mit zwei „Einspringern“ begann, indem Lorin Maazel am 7./8. Mai 1962 bzw. am 4./5. Mai 1963 für den damaligen Operndirektor Herbert von Karajan jeweils zwei Philharmonische Abonnementkonzerte übernahm – er eilte uns in der Folge auch als längst arrivierter Weltstar wiederholt zu Hilfe.

  • Als Carlos Kleiber im Dezember 1982 zwanzig Minuten vor Ende der vierten und letzten Probe für zwei Philharmonische Abonnementkonzerte, an seinen eigenen Ansprüchen verzweifelnd, davon stürmte – fraglos ein zutiefst tragischer Moment! –, rief Vorstand Alfred Altenburger Lorin Maazel an, der sofort zusagte, mit einer Probe am Samstagvormittag das Programm übernahm und somit die Konzerte des Wochenendes rettete, obwohl er zu dieser Zeit in Paris eine Opernpremiere hatte.

  • Nach der jeweiligen Absage von Claudio Abbado leitete Lorin Maazel 1991 eine überwältigende konzertante Aufführung von Richard Strauss‘ „Elektra“ in New Yorks Carnegie Hall und im Jahre 2000 die Produktion von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ bei den Salzburger Festspielen.
  • Seine Verbundenheit mit unserem Orchester zeigte Lorin Maazel 1996 auch auf einer anderen Ebene und in singulärer Weise: Nach öffentlich ausgetragenen Querelen stand die weitere Mitwirkung der Wiener Philharmoniker bei den Festspielen ernsthaft zur Diskussion, und in dieser hektischen Situation betonte er, sein weiteres Auftreten in Salzburg vom Verbleib unseres Orchesters abhängig zu machen.

Lorin Maazel bei einer Aufnamesitzung mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein Lorin Maazel bei einer Aufnamesitzung mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein | + „Zufall ist Gotteslästerung“: Auch unsere letzte Begegnung mit Lorin Maazel war ein „Einspringer“ und somit Zeichen der tiefen Verbundenheit des Maestros mit unserem Orchester. Als Daniele Gatti im Februar 2014 krankheitshalber kurzfristig eine Konzertserie in Wien und in den Vereinigten Staaten absagte, die sich mit Unterbrechungen über mehrere Wochen erstreckte und zum Teil von Franz Welser-Möst und Christoph Eschenbach übernommen werden konnte, antwortete Lorin Maazel, der am Vormittag des 2. März eine Matinee in München zu dirigieren hatte, am 11. Februar, nur 40 Minuten nach einem ausführlichen Telephonat, mit folgender Mail unter dem Betreff „gemacht“: „Lieber Clemens, am 2. Maerz fliege ich von Muenchen mit dem LH458 nach San Francisco. Komme um 22.20 an am selben Tag. Brauche einen Charter nach Costa Mesa. Unter diesen Umstaenden kann ich das ganze Programm am 3. probieren (gegen 11 Uhr). [… Das] heisst dass ich die Konzerte am 3. 5. und 7. akzeptieren koennte. […] Herzlichst. L.“ Und in der Tat reiste der Maestro, der am 6. März 2014 seinen 84. Geburtstag feierte, unmittelbar nach dem Konzert in München nach Kalifornien und dirigierte am 3., 5. und 7. März Franz Schuberts „Unvollendete“ und Gustav Mahlers Vierte Symphonie in Costa Mesa, Santa Barbara und Berkeley.

Als Lorin Maazel wenige Wochen nach dieser Bravourleistung schwere gesundheitliche Probleme bekam, galt eine vordringliche Sorge unserem Orchester. Seine letzte E-Mail vom 3. Juni 2014 lautete: „Mein lieber Clemens, am 5. Juni wird eine Pressemeldung rausgehen, dass ich mir ein Jahr frei nehme, um zu komponieren […]. Wenn meine Kraefte zurueckkehren, werde ich hie und da dirigieren, aber ich bin gezwungen, mein Amt als Chefdirigent der Muenchner Philharmoniker niederzulegen. Ich hoffe jedoch sehr, in Erfuellung unserer gegenseitigen Vorhaben, die geplanten Konzerte mit den Wiener Philharmonikern dirigieren zu koennen, unter der Voraussetzung, dass [ich] bis Anfang 2015 wieder mit meiner ueblichen Energie rechnen kann. […] Mit warmen Gruss! Lorin“.

Neujahrskonzert 1986 mit Lorin Maazel ©  Terry Linke Neujahrskonzert 1986 mit Lorin Maazel | + Diese unverbrüchliche Treue bis zuletzt war Ausdruck eines Zusammengehörig-keitsgefühls, welches das Resultat gemeinsamen Erlebens von Musik wie der persönlichen Begegnung abseits des Podiums war. Als selbständige und unabhängige, sich auf demokratischer Basis selbst verwaltende Vereinigung sind die Wiener Philharmoniker in der glücklichen Lage, mit „ihren“ Dirigenten nicht nur zu konzertieren, sondern in partnerschaftlicher Diskussion Projekte zu entwickeln und Träume zu realisieren, und auf dieser Grundlage entstanden einige jahrzehntelange Verbindungen. Eine der engsten, jene zu Lorin Maazel, ist nun für immer zu Ende gegangen ...

Aber diese Sicht wäre zu vordergründig, zu sehr auf unser Gefangensein in Raum und Zeit beschränkt: Die Liebe, die uns der Maestro durch mehr als ein halbes Jahrhundert entgegenbrachte, kann nicht zu Ende gehen, sondern wird im kollektiven Gedächtnis der Wiener Philharmoniker weiterleben, solange es dieses Orchester gibt. In der Vergangenheit haben wir unseren Dank durch die Verleihung des Ehrenringes, der Nicolai-Medaille in Gold und der Ehrenmitgliedschaft sowie durch vier „Philharmonische Feierstunden“ – anläßlich seines 70. und 80. Geburtstags (2000 bzw. 2010), der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft (2002) und des 50-Jahr-Jubiläums unserer Zusammenarbeit (2012) – ausgedrückt. Nun bewegt sich unser Dank auf einer anderen Ebene: im Gedenken daran, wie oft er uns in schwierigen Situationen half, wie oft er sich öffentlich für uns einsetzte, im Gedenken daran, daß er am 6. März 2010 seinen 80. Geburtstag mit seinen beiden Familien, der eigenen und der „philharmonischen Familie“ feierte, und dies in Wien, der Stadt, die er so liebte und die seine Zuneigung nicht immer in gleichem Maße erwiderte. Wir wissen, daß er damit Gefühle ausdrückte, die „in die Tiefe des Herzens dringen“, wie es in „Fidelio“ heißt, wir wissen aber auch, daß wir mit ihm nun für immer verbunden sind. –

Jugendkonzert mit Lorin Maazel ©  Terry Linke Jugendkonzert mit Lorin Maazel | + Anläßlich der Feiern zur 50jährigen Zusammenarbeit spielten wir mit dem Maestro am 2./3./4. März 2012 drei Konzerte im Rahmen der 24. „Wiener Philharmoniker-Woche in New York“. Dabei veröffentlichte er im Programmheft der Carnegie Hall eine Liebeserklärung an die Wiener Philharmoniker, die einzigartig ist. Seine Worte sollen nun auch diesen Nachruf beschließen, der Ausdruck unseres tiefen Dankes für all das ist, was er uns im Laufe von 52 Jahren geschenkt hat.

“Of the many honors bestowed upon me by good fortune – Germany’s Bundesverdienstkreuz, the Legion d’Honneur, the Kentucky Colonel, and so on – none are as dear to my heart as being elected by the Vienna Philharmonic as a lifetime Honorary Member.

Since the day they asked me 50 years ago to step in to replace an ailing Herbert von Karajan, I have been privileged to make music with an august ensemble second to none. I am in debt to them for what they have taught me, for the way they gently guided me through the repertoire for which they are most known, for what I learned from an ongoing musical experience with an ensemble that is music itself. Every phrase breathes, every note has meaning, every sound a color.

And what opportunities they have offered me over the last half-century: 415 performances of symphonic and opera repertoire, including 111 at the Salzburg Festival; 281 different works by 51 composers; 64 recorded compositions, including the Tchaikovsky, Mahler, and Sibelius symphonic cycles; 11 televised New Year’s concerts. I have also come to know them as the peerless opera orchestra … since my Vienna State Opera debut conducting Fidelio on November 11, 1964, on through my years as general manager at the Vienna State Opera (1982–1984), and my long association with the Salzburg Festival that began in 1963 with Figaro.

Lorin Maazel ©  Bill Bernstein Lorin Maazel | + They bestowed the ultimate honor upon me as well: an august ensemble of virtuoso players who engaged me to appear as violin soloist, including five New Year’s concerts. And most flattering of all, two commissions to compose music: a symphonic movement entitled “Farewells” (February 26, 2000) and in 2010, a symphonic synthesis of my opera 1984.

The three concerts we give in Carnegie Hall (memories ... the VPO in Carnegie Hall in 1991 in a concert performance of Elektra ...) review in synopsis our 50 years together. We begin with Mozart’s G-Minor Symphony, the first work I conducted with the VPO when I replaced von Karajan. We continue with The Ring Without Words, which we have performed so often, three of the seven Sibelius symphonies we recorded, and a review of Richard and Johann Strauss works we have presented around the world on so many happy occasions (Japan, South America, the US, Europe).

How can I ever express my gratitude, the depth of the debt I owe the VPO for the unwavering support they have tendered me since Day One of our musical bonding?

Bless them all. Lorin Maazel“

 

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