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Das Philharmonische Tagebuch

Do, 07. Jänner 2016

Christian Merlin

Aktuelles

 

Nachruf Pierre Boulez

Keiner hat das Musikleben der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominiert wie er und stand im Mittelpunkt der lebhaftesten Polemiken – als Anstifter wie als Opfer. Sein Einfluss entsprach seinem Talent ebenso wie seiner Intelligenz, auch wenn von ihm oft ein falsches Bild gezeichnet worden ist. Nichts ließ zu Beginn darauf schließen, dass Pierre Boulez einst für mehr als ein halbes Jahrhundert unangefochten über das zeitgenössische Musikleben herrschen sollte.
1925 im kleinen Städtchen Monbrison im Departement Loire geboren, entstammte er dem wohlhabenden Provinzbürgertum – ein Milieu, das er alsbald stickig und beengend finden sollte. Zur Beruhigung seines Vaters absolvierte er zunächst ein Vorbereitungsstudium in Mathematik, wohlwissend, dass er dennoch niemals die Kaderschmiede der École polytechnique absolvieren würde. Einmal in Paris, schrieb er sich am Konservatorium in der Klasse des Komponisten Olivier Messiaen ein, von dem er maßgeblich geprägt wurde. Dort blieb er kaum ein Jahr; schnell genug verspürte er das Bedürfnis, seinen Vater zu « köpfen ». Für Boulez musste die Beziehung mit dem Lehrmeister vor allem kurz sein: Es diene dem Schüler nur, wenn er rasch das Nest verlasse – weshalb Boulez auch selbst nie zum Lehrer wurde. Als erklärter Autodidakt glaubte er nicht an pädagogische Tugenden, auch wenn er nie mit Ratschlägen und Erläuterungen geizte.

Mit 20 dann die entscheidende Begegnung: Nachdem er seinen Lebensunterhalt als Ondes Martinot-Spieler im Moulin Rouge bestritten hatte, wurde er musikalischer Leiter der Compagnie Renaud-Barrault am Théâtre Marigny. Er gründete die « Concerts du Petit Marigny », aus denen 1954 der « Domaine musical » wurde. Das Ziel? Frankreichs beträchtlichen Rückstand in Sachen zeitgenössischer Musik aufzuholen. Er brachte erstmalig Werke Schönbergs und der Zweiten Wiener Schule zu Gehör, aber auch der jungen Generation, auf die er bei den Darmstädter Ferienkursen traf. Stockhausen und Berio gehörten dazu wie auch er selbst, der sich einen Namen als Komponist zu machen begann: Seine « Notations » (1945) und die Dritte Klaviersonate (1951), vor allem der « Marteau sans maître » waren Schlüsselwerke dieser ersten Phase. Eine fordernde, extrem konstruierte Musik, die zugleich « work in progress » blieb. Sein ganzes Leben verbrachte er damit, seine Werke zu überarbeiten und weiterzuentwickeln.

Der "Domaine musical" fand nur ein begrenztes Publikum, verschaffte ihm aber Unterstützung aus kulturellen Kreisen. Durch seine polemischen Wortmeldungen, seine spitze Feder und seine Schlagfertigkeit (die Musik Jolivets bezeichnete er als « joli navet » ‒ « hübsche Steckrübe ») schuf er sich auch Feinde. Doch diese Kriegserklärungen waren notwendig, um das französische Musikleben nach dem Stillstand der Zwischenkriegs- und Besatzungszeit ordentlich durchzurütteln. « Ich bin nicht sektiererisch, ich bin radikal », pflegte er klarzustellen.

Da zeitgenössische Musik damals bei den gefragten Interpreten wenig Rückhalt fand, legte er selbst Hand an und wurde Dirigent, nicht aus Berufung, sondern aus Notwendigkeit. Auch hier Autodidakt, begann er mit seinem kleinen Ensemble, bevor ihm Ende der 1950er Jahre Hans Rosbaud das Orchester des Südwestfunks in Baden-Baden anvertraute. In diesem kleinen Kurort ließ sich Boulez daraufhin nieder, um ihn als Wohnort nie wieder zu verlassen, fand er doch dort stets Ruhe und Zeit zum Arbeiten. Die Karriere nahm Fahrt auf. Fasziniert von seinem unübertrefflichen Gehör und seiner unfehlbar präzisen Schlagtechnik, die ohne Taktstock auskam, erkannten ihn die Orchester als einen Großen. 1963 dirigierte er « Le sacre du printemps » beim Orchestre national de France und die erste französische Produktion von « Wozzeck » an der Pariser Oper. 1966 debütierte er mit « Parsifal » bei den Bayreuther Festspielen. Überall brachen seine Interpretationen dank ihrer ungekannten Genauigkeit und Transparenz Hörgewohnheiten auf.

Mit Frankreich kam es zum Bruch. Kulturminister André Malraux lehnte seinen Plan zur Reorganisation der Pariser Oper ab – für Boulez ein Symbol von Konservatismus und Mittelmaß. Er verlagerte sich ins Ausland. Das Glück war auf seiner Seite: Zunächst Gastdirigent beim Cleveland Orchestra, wurde er 1971 Chefdirigent beim BBC Symphony Orchestra und beim New York Philharmonic Orchestra als Nachfolger keines Geringeren als Leonard Bernsteins! 1976 dirigierte er zum Hundertjährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele den « Ring » in Patrice Chéreaus Inszenierung, die ihnen Morddrohungen einbrachte, bevor sie als Meilenstein der Operngeschichte anerkannt wurde.

Unterdessen machte Georges Pompidou dieser absurden Situation ein Ende: Als Avantgarde-Begeisterter holte er den verlorenen Sohn nach Frankreich zurück. Er bot Boulez, was dieser verlangte: ein Institut (das IRCAM) und ein Orchester (das Ensemble Intercontemporain), beide dem zeitgenössischen Schaffen gewidmet. Als Paria gegangen, kehrte er als Held zurück: Nach dem Komponisten und dem Dirigenten kam nun der Begründer von Institutionen zur Vollendung, aber auch der Intellektuelle mit einem Ruf ans Collège de France. Er war verhasster denn je, ihm wurde nachgesagt, an allen Hebeln des Musikschaffens zu sitzen, Karrieren zu fördern und zu beenden. Dank der musikelektronischen Forschungen am IRCAM entwickelte er seine musikalische Sprache weiter in Werken wie "Repons", "Dialogue de l’ombre ouble" oder "Sur Incises", in denen die Kopflastigkeit der ersten Werke durch eine große Sinnlichkeit aufgewogen wurde.

Dennoch überflügelte seine Dirigentenkarriere, die er selbst beharrlich als zweitrangig ansah, die Komponistenlaufbahn. Die Berliner und Wiener Philharmoniker, das Cleveland und das Chicago Symphony Orchestra luden ihn Saison für Saison wieder ein, so unübertrefflich war er im Repertoire des 20. Jahrhunderts.  Bei den Wiener Philharmonikern hat jeder einen Schritt zum anderen gemacht: die Wiener Philharmoniker bemühten sich, mit Boulez noch präziser zu spielen als sonst, er dirigierte dafür lyrischer und weicher als gewohnt.

Politiker aller Parteien suchten beim ihm um Rat, vor allem zum neuen Pariser Konzertsaal, dessen Vorkämpfer der ersten Stunde er war. Er wurde unentbehrlich und blieb doch unabhängig. Umso weniger erstaunlich ist es, dass er genauso beneidet wie umworben wurde. Ein Diktator? Vielmehr besessen von Exzellenz, ohne Erbarmen für Mittelmäßigkeit. Ein stets wacher Geist mit der Klarheit derjenigen, in deren Gesellschaft man sich intelligent findet. Und vor allem ein wahnsinniger Charmeur mit einem entwaffnenden Lächeln, stets bescheiden und zugänglich. So kannte man Pierre Boulez.

© Christian Merlin
Übersetzung: Friedemann Pestel

 

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