Anmelden

Anmelden

 

Mein Bereich

Nützen Sie zahlreiche Vorteile mit Ihrer Registrierung auf www.wienerphilharmoniker.at: Verschiedenste Newsletter, Teilnahme an den Kartenverlosungen und ein Überblick über alle Ihre Online-Einkäufe!

Jetzt registrieren

Fenster schließen

Menu Kalender

  2018  
  NOV  
M D M D F S S

Startseite > Orchester : Orchester

 

Das Philharmonische Tagebuch

Mi, 19. Juni 2002

 

Zum Tod unseres Ehrenmitglieds Wolfgang Schneiderhan

"Trotz des großen künstlerischen Abstandes zwischen ihm und mir hat sich von allem Anfang an eine äußerst fruchtbare Zusammenarbeit zwischen uns ergeben. Daß sie sich allmählich zur Freundschaft wandelte und bis heute anhält, erfüllt mich mit großem Dank gegenüber dem Künstler und Menschen Schneiderhan. Ich zähle diese Freundschaft zu den schönsten Werten, die mir mein langes Leben gewährt hat ..."

Mit diesen Sätzen endete die Laudatio, die unser ehemaliger Vorstand und Ehrenvorstand Otto Strasser im Jahre 1995 anläßlich des 80. Geburtstages von Wolfgang Schneiderhan für die Mitteilungshefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien verfaßte und die er auch in den "Musikblättern der Wiener Philharmoniker" publizierte1. Es erscheint im Rückblick von besonderer Symbolik, daß es sich dabei um den letzten Artikel Otto Strassers handelte, der zu seinen Lebzeiten in unseren "Musikblättern" veröffentlicht wurde, für die er im Laufe der Jahrzehnte so viele Beiträge geschrieben hatte: Die künstlerische Erfüllung, welche Otto Strasser ungeachtet seiner eminenten Leistungen für unser Orchester in der Kammermusik fand, wurde von der engen Freundschaft mit Wolfgang Schneiderhan begleitet, wobei diese innere Verbindung auf der Begeisterung für die Musik ebenso basierte wie auf der gemeinsamen Liebe zu den Wiener Philharmonikern, wenngleich sich beider Orchesterlaufbahn grundlegend unterschied.

Wolfgang Schneiderhan wurde am 28. Mai 1915 in Wien als Sohn des Schauspielers Theodor Schneiderhan geboren, erhielt von seiner Mutter, der Zithervirtuosin Emma Schneider-Fallmann, den ersten Violinunterricht und trat als Wunderkind bereits 1920 erstmals auf. In der Folge studierte er bei Julius Winkler in Wien, wobei er die Ausbildung - wie sein Bruder Walther, der frühere Konzertmeister der Wiener Symphoniker - bei Otakar Ševcik in Pisek ergänzte. Bereits Ende der Zwanziger Jahre setzte seine internationale Karriere ein, die ihn in sämtliche Musikzentren und zu den bedeutendsten Festivals der Welt führen sollte. Daneben absolvierte er aber auch eine überaus erfolgreiche Orchesterlaufbahn: Von 1933 bis 1937 war er Konzertmeister der Wiener Symphoniker, per 1. September 1937 wurde er als Konzertmeister der Wiener Staatsoper engagiert, und mit 1. März 1938 erhielt er die Mitgliedschaft im Verein Wiener Philharmoniker.

Unmittelbar darauf gründete er mit Otto Strasser, Ernst Morawec und Richard Krotschak das Schneiderhan-Quartett, welches bis 1951 bestand. Zu diesem Zeitpunkt war Wolfgang Schneiderhan bereits zwei Jahre nicht mehr Mitglied der Wiener Philharmoniker: Die solistische Laufbahn war mit dem Dienst auf Dauer nicht vereinbar, und trotz aller Bemühungen des damaligen Vorstands Rudolf Hanzl trat er mit 31. Mai 1949 aus dem Orchester aus, ohne allerdings je den Kontakt zu den Philharmonikern zu verlieren. Auch der Abschied vom Streichquartett bedeutete nicht die vollkommene Abkehr von der Kammermusik, widmete er sich doch mit Edwin Fischer und Enrico Mainardi dem Klaviertrio und pflegte mit Carl Seemann intensiv das Genre der Violinsonate.

Als Nachfolger von Georg Kulenkampff leitete Schneiderhan ab 1949 Meisterkurse für Violine beim Internationalen Musikfest Luzern, das ihm für viele Jahrzehnte eine künstlerische Heimstätte wurde, die ihm ihrerseits eine Institution von Rang verdankt - gemeinsam mit Rudolf Baumgartner gründete er 1956 die "Festival Strings Lucerne". In Luzern kam es auch zur ersten Begegnung mit seinem wohl bedeutendsten Schüler, unserem unvergessenen Konzertmeister Gerhart Hetzel, der am 29. Juli 1992 tödlich verunglückte. Professuren am Salzburger Mozarteum und an der Wiener Musikhochschule unterstrichen die pädagogischen Aktivitäten des Künstlers, denen er zeitlebens großes Augenmerk schenkte und die durch seine Tätigkeit als Herausgeber zahlreicher klassischer Violinwerke sowie durch Artikel und Vorträge ergänzt wurden, wobei er sich mit diesem Themenkreis bis zu seinem Tod am 18. Mai 2002 befaßte.

Wolfgang Schneiderhan war nur zwölf Jahre als Konzertmeister der Wiener Philharmoniker tätig, aber dennoch muß im Zusammenhang mit ihm von einer "Ära" gesprochen werden: Seine künstlerischen Leistungen prägten ohne Zweifel das Erscheinungsbild des Orchesters, und er blieb auch nach seinem Ausscheiden durch viele Jahre hindurch der dominierende Solist. Insgesamt trat er mit den Wiener Philharmonikern 80mal auf, wobei in dieser Zahl die großen Orchestersoli (etwa in Beethovens "Missa solemnis" oder in Strauss' "Ein Heldenleben", "Also sprach Zarathustra" oder "Der Bürger als Edelmann") nicht enthalten sind. Das Repertoire, welches er mit unserem Orchester aufführte, bestand im wesentlichen aus Violinkonzerten von Bach, Mozart, Beethoven, Brahms, Tschaikowsky und Dvorák, aus Mozarts "Sinfonia concertante", Beethovens "Tripelkonzert" und Violinromanzen sowie dem Doppelkonzert von Brahms, er spielte jedoch auch Werke von Arcangelo Corelli, Joseph Haydn, Giovanni Battista Viotti, Niccolò Paganini, Felix Mendelssohn Bartholdy, Edward Elgar, Edouard Lalo und Igor Strawinsky.

Unter der Vielzahl dieser Aufführungen seien einige wenige herausgegriffen: Die von Josef Krips geleiteten "Solistenkonzerte" der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, in deren Rahmen Schneiderhan in den Jahren 1947, 1948 und 1949 jeweils einen ganzen Abend mit zwei bis drei Violinkonzerten bestritt; die Wiedergabe von Bachs Konzert für zwei Violinen in d-Moll, BWV 1043, anläßlich des Wiener Bachfestes von 1950, als Yehudi Menuhin und Herbert von Karajan seine Partner waren; und das von Paul Klecki geleitete Festkonzert "50 Jahre Mozartgemeinde Wien" am 25. Jänner 1963 im Theater an der Wien, bei dem Schneiderhan mit seiner Frau auftrat - Irmgard Seefried sang Mozarts Arie für Sopran "Non temer, amato bene", KV 490, ihr Mann übernahm die obligate Violine. Der Zeitraum, innerhalb dessen Wolfgang Schneiderhan mit den Wiener Philharmonikern auftrat, umfaßt mehr als eine Musikergeneration: Am 14. August 1938 spielte er mit Ernst Morawec im Kursaal von Badgastein unter der Leitung von Hans Knappertsbusch Mozarts "Sinfonia concertante" in Es-Dur, KV 364, im Abonnementkonzert vom 17./18. November 1984 stand er zum letzten Mal mit uns auf dem Podium, wobei sein Partner in der von Zubin Mehta geleiteten Aufführung von Bachs "Doppelkonzert" sein ehemaliger Schüler Gerhart Hetzel war.

Zu den Solokonzerten und Orchestersoli kommen drei Konzerte der Wiener Philharmoniker, bei denen Wolfgang Schneiderhan am Dirigentenpult stand. Am 18. Februar 1973 leitete er in einem von der "Musikalischen Jugend" veranstalteten "Kammerkonzert" im Goldenen Saal die "Simple Symphony" für Streichorchester von Benjamin Britten, spielte Mozarts Violinkonzert in A-Dur, KV 219, und dirigierte ferner Frank Martins "Petite Symphonie Concertante" (mit Hubert Jelinek, Harfe, Johann Sonnleitner, Cembalo, und Rudolf Buchbinder, Klavier), das "Rondino giocoso", op. 4, seines langjährigen Freundes Theodor Berger (1905-1992) sowie "Rumänische Volkstänze" von Béla Bartók. Am 28. Juni 1973 leitete er Mozarts Marsch in D-Dur, KV 335/1, und Divertimento in D-Dur, KV 136 sowie Dvoráks Streicherserenade in E-Dur, op. 22, und spielte mit Gerhart Hetzel Bachs Doppelkonzert. Und auch beim dritten von ihm dirigierten Konzert, einem Mozart-Abend im Rahmen der Salzburger Festspiele (4. August 1973), trat er als Solist hervor: Zwischen dem Divertimento in F-Dur, KV 138, und der Serenade in G-Dur, KV 525 ("Eine kleine Nachtmusik") spielte er das A-Dur-Violinkonzert, das Adagio in E-Dur, KV 261, sowie das Rondo in C-Dur, KV 373, und das Rondo concertante in B-Dur, KV 269.

Geza Anda, Karl Böhm, Edwin Fischer, Pierre Fournier, Ferenc Fricsay, Wilhelm Furtwängler, Gerhart Hetzel, Herbert von Karajan, Istvan Kertész, Hans Knappertsbusch, Clemens Krauss, Richard Krotschak, Enrico Mainardi, Lord Yehudi Menuhin, Janos Starker ... Wolfgang Schneiderhans Partner zählten zu den größten Künstlern des 20. Jahrhunderts, und der prominenteste Bewunderer seiner Kunst war kein Geringerer als Richard Strauss. Unter seiner Leitung spielte der damalige Konzertmeister der Wiener Philharmoniker die Orchestersuite zu "Der Bürger als Edelmann" in den beiden legendären Festkonzerten anläßlich des 75. und 80. Geburtstags des Meisters am 11. Juni 1939 bzw. 1944, Strauss besuchte wiederholt Kammermusikaufführungen des Schneiderhan-Quartetts und vertraute dem Ensemble auch das Sextett aus "Capriccio", seiner letzten Oper, zur Uraufführung an (7. Mai 1942, also vor der Münchner Premiere des gesamten Werkes!), nachdem er mit dem Ensemble das bezaubernde Vorspiel persönlich studiert und ihm "die Druckbogen zur Korrektur und zur Einzeichnung von Stricharten zugesendet"2 hatte. Wolfgang Schneiderhan war für Richard Strauss das Maß aller geigerischen Dinge, wie ein Brief an Karl Böhm vom 30. September 1944 beweist: "[...] ich arbeite schon seit einiger Zeit, um das Handgelenk auch Schneiderhan gegenüber in Übung zu erhalten, an einem Adagio für etwa 11 Solostreicher, das sich wahrscheinlich zu einem Allegro entwickeln wird, da ich es in Brucknerscher Orgelruhe nicht allzu lang aushalte."3 (Aus der "Handgelenksübung" wurden schließlich die 23stimmigen "Metamorphosen", eines der ergreifendsten Werke von Strauss).

Auch die Wiener Philharmoniker brachten Wolfgang Schneiderhan die ihm gebührende Wertschätzung entgegen: Sie verliehen ihm anläßlich ihrer 150-Jahr-Feier die Ehrenmitgliedschaft und würdigten damit die jahrzehntelange künstlerische Verbindung ebenso wie sein Lebenswerk. Die Auszeichnung war aber noch mehr als ein Ausdruck der Anerkennung und des Respekts. In ihr spiegelte sich auch der Dank für sein Bekenntnis zu unserer Vereinigung und sein nie nachlassendes Interesse an den Wiener Philharmonikern, wofür er bewegende Worte fand: "Aus meiner heutigen Sicht bekenne ich dankbarst, daß für meine künstlerische Laufbahn die Zusammenarbeit mit diesem Orchester und den großen Dirigenten unseres Jahrhunderts von entscheidender Bedeutung wurde. Durch die ständige, rasch voranschreitende Verjüngung jedes Orchesters finde ich heute nur noch Einzelne aus der Zeit unseres Zusammenseins. Der Geist dieses herrlichen Orchesters zieht sich jedoch in immer neuer Lebendigkeit wie ein roter Faden durch alle Zeiten", schrieb er am 24. Oktober 1984 in unser "Goldenes Buch". Dieses Bekenntnis sprach er nicht nur aus, er stellte es bis zuletzt unter Beweis: Ungeachtet seiner körperlichen Hinfälligkeit wohnte er mit größtem Interesse unseren Abonnementkonzerten bei, denen er bis zu seinem Tod die Treue hielt - noch beim siebten "Abo" am 28. April 2002 zählte er zu den Besuchern; trotz aller Beschwerlichkeiten ließ er es sich nicht nehmen, an Philharmonischen Feierstunden, zuletzt an jenen anläßlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Zubin Mehta und Lorin Maazel (22. April 2001 bzw. 7. April 2002), teilzunehmen; und der nunmehr letzte Brief, welchen er an die Wiener Philharmoniker richtete und der mittlerweile die "Schneiderhan-Dokumente" in unserem Historischen Archiv beschließt, ist eine Einladung des Vorstand zu einer Feier seines 87. Geburtstages, die er für den 26. Mai plante, natürlich im unmittelbaren Anschluß an das IX. Abonnementkonzert der heurigen Saison ...

Wolfgang Schneiderhans Ehrenplatz in der Musikgeschichte Wiens ist ebenso gesichert wie seine Verankerung in der Geschichte unserer Vereinigung. Die Verbundenheit mit uns sah er selbst als "Mischung von Freundschaft, Liebe, Bewunderung - und echter Kollegialität, [die] ewig in mir bestehen wird", wie er am 10. Juli 1990 in einem Brief an Vorstand Werner Resel betonte4, um anläßlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft noch hinzuzufügen: "Bestätigen möchte ich Ihnen nur, daß ich trotz meiner internationalen Solo-Karriere im Herzen ein Teil der Wiener Philharmoniker bleibe." Den Musikliebhabern, die ihn noch auf dem Podium hörten, wird Wolfgang Schneiderhan unvergessen bleiben; die Maßstäbe, welcher er als Solist, Konzertmeister und Kammermusiker setzte, sind glücklicher Weise durch zahlreiche Tonaufnahmen auch für künftige Generationen nachvollziehbar; jene Menschen aber, die ihm nahestanden, werden wie Otto Strasser seine Freundschaft stets zu den größten Werten ihres Lebens zählen.

 

Tags

© 2018 Wiener Philharmoniker RD0003FF4B68AC