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Das Philharmonische Tagebuch

Fr, 15. Oktober 2004

Nachrichten

 

Zum Gedenken an Carlos Kleiber

Clemens Hellsberg

Am 13. Juli 2004 setzte der Tod von Carlos Kleiber einen unwiderruflichen Schlußpunkt hinter ein faszinierendes Kapitel unserer Orchestergeschichte, das allerdings leider schon lange vorher zu Ende gegangen war: Am 15./16. Mai 1993 hatte er zum letzten Mal ein (Abonnement-)Konzert dirigiert, am 20. Jänner 1994 war er anläßlich des 53. Balls der Wiener Philharmoniker zum letzten Mal an unserem Pult gestanden, danach sahen wir ihn nur noch bei einer Opernproduktion: Im Mai bzw. Oktober 1994 leitete er insgesamt neun "Rosenkavalier"-Vorstellungen in Wien und Tokyo.

In Zahlen ist die Zusammenarbeit rasch wiedergegeben: Zwischen 19. Oktober 1974 (Bratislava) und 16. Mai 1993 dirigierte er 26 Konzerte, darunter acht Abonnement- und zwei Neujahrskonzerte (1989, 1992) sowie fünf Auftritte im Rahmen unserer ersten und bisher einzigen Mexikotournee im April 1981, eröffnete dreimal den Philharmonikerball (1975, 1980, 1994) und gestaltete die musikalische Umrahmung einer Buchpräsentation, auf die noch näher eingegangen wird. Dazu kamen Studioaufnahmen der Fünften und Siebenten Symphonie Ludwig van Beethovens, der "Dritten" und "Unvollendeten" von Franz Schubert sowie der Vierten Symphonie von Johannes Brahms. Zwischen Oktober 1973 und Mai 1994 dirigierte er zudem 18 Vorstellungen an der Wiener Staatsoper ("Tristan und Isolde", "Carmen", "La Bohème", "Der Rosenkavalier") und schließlich sechs Abende beim Japan-Gastspiel der Staatsoper im Oktober 1994.

Die Statistik ist, wie gesagt, leicht wiederzugeben. Aber welch ein Kontrast zwischen den mageren Zahlen und dem prägenden Erlebnis, das jede Zusammenarbeit mit dem genialen Interpreten darstellte: 26 Konzerte sind in der Geschichte unserer Vereinigung, die bald 7000 Aufritte umfaßt, eine marginale Größe; doch jener musikalische Kosmos, den Carlos Kleiber in jedem seiner Konzerte erschloß, das Gefühl, mit ihm nicht nur an, sondern über die eigenen Grenzen zu gehen, wird für alle, die dies miterleben durften, unvergeßlich bleiben.

Carlos Kleiber im Gespräch mit Gerhart Hetzel, dem 1992 verstorbenen Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, anläßlich einer Probe im Jahre 1979

Die Beziehung zwischen dem Dirigenten und unserem Orchester umfaßte Höhen und Tiefen in extremster Weise: Die Neujahrskonzerte 1989 und 1992 machten ihn glücklich – aber er lehnte jede weitere Einladung ab; das "Heldenleben" im Mai 1993 war eine einzigartige Demonstration seiner Begeisterung für Richard Strauss, den er in seiner Jugend kennengelernt hatte (ein ihn prägendes Erlebnis, von dem er in privatem Rahmen oft sprach!) – aber hinsichtlich des Plattenmitschnitts verweigerte er die Zustimmung zur Veröffentlichung; und dem Rausch und der Euphorie jener fünf Konzerte in Guanajuato und Mexico City, die Orchester und Dirigent scheinbar entscheidend näherbrachten, steht der totale Zusammenbruch gegenüber, als er im Dezember 1982 knapp vor Ende der letzten Probe für ein Philharmonisches Abonnementkonzert davonstürmte und das Orchester verstört zurückließ – die den zweiten Satz von Beethovens Vierter Symphonie einleitende rhythmische Figur sollte seiner Ansicht nach den Namen von Beethovens "Unsterblicher Geliebter" wiedergeben, aber es gelang nicht, seine Vorstellungen zu realisieren. "Sie spielen nicht ‚Theres‘, sondern immer nur ‚Marie‘", rief er, und in diesem Aufschrei manifestierte sich die totale Verzweiflung eines Künstlers, der die Unendlichkeit sucht und an dieser Suche zerbricht.

Äußerste Widersprüchlichkeit prägte sein ganzes Wesen: Einerseits mußte man bei den Proben beständig vor der Katastrophe, sprich: dem Abbruch bangen, andererseits war er, von den Momenten der Verzweiflung abgesehen, für jeden Musiker jederzeit auch für private Gespräche zugänglich und legte dabei eine zwar scheue, aber stets tief empfundene Zuneigung an den Tag; er hatte ein ungeheures Repertoire und kannte fast die gesamte Weltliteratur – und dennoch beschränkte er sich bei seinen Konzerten und Opern auf eine wenige Werke; er war in seinen künstlerischen Ansprüchen grenzenlos – aber wenn er bei einem Musiker nervliche oder gesundheitliche Probleme ortete, war er voll großzügigstem Verständnis; bei seinen Wutausbrüchen kannte er keine Grenzen und machte vor niemandem Halt – aber sein Umgang mit Kindern war von einer Liebe, einem Verständnis, einer Zärtlichkeit geprägt, welche diese Begegnungen zu den kostbarsten Momenten machte, die in der Beziehung von Menschen möglich sind.
 
Damit ist auch die Überleitung zu einer abschließenden persönlichen Bemerkung gegeben. Als die Herren Professoren Werner Resel und Walter Blovsky, damals Vorstand und Geschäftsführer unseres Orchesters, im Jahre 1992 Carlos Kleiber fragten, ob er die musikalische Umrahmung der Präsentation meines aus Anlaß des 150-Jahr-Jubiläums im Auftrag der Philharmonischen Hauptversammlung geschriebenen Buches "Demokratie der Könige" übernehmen wolle, sagte er spontan zu ("Ich mach’s – aber ich krieg‘ ein Buch!") und kam nach Wien, um am 14. November 1992 im Goldenen Saal ohne Honorar Otto Nicolais Ouvertüre zu "Die lustigen Weiber von Windsor" und die Schnellpolka "Unter Donner und Blitz" von Johann Strauß zu dirigieren, zweifellos ein einzigartiger Beweis seiner Wertschätzung für unser Orchester, seines Interesses an der gemeinsamen Arbeit und auch der persönlichen Beziehung. Und dennoch scheiterte danach jeder Versuch, ihn zurückzuholen: Was er dem Archivar des Historischen Archivs und Buchautor in großzügigster Weise gewährte, versagte er dem späteren Vorstand, und dies hinterläßt eine Wehmut, die nie enden wird ...

Aber sie wird bei weitem von tiefer Dankbarkeit überwogen – was auch für seine unzähligen Bewunderer in der ganzen Welt gelten sollte, die so viel mehr Konzerte und Opernvorstellungen unter seiner Leitung ersehnten: Er hat für uns alle nach den Sternen gegriffen; und wenn er auch daran zerbrach, so hat er doch bewiesen, daß sie tatsächlich existieren.

 

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