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Das Philharmonische Tagebuch

Mi, 02. März 2005

Aktuelles

 

Ein goldenes Jubiläum

Aufgrund des weltweiten Schocks, den die Flutkatastrophe in Südostasien auslöste und der auch das Neujahrskonzert 2005 überschattete, blieb ein großes Jubiläum beinahe unbeachtet: Am 1. Jänner 1955 hatte Willi Boskovsky zum ersten Mal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigiert.

Wenngleich die Geschichte dieses Konzerts bereits vierzehn Jahre zuvor begonnen hatte und Boskovsky nach Clemens Krauss und Josef Krips der dritte Dirigent war, prägte er das Neujahrskonzert entscheidend. Bis zum Jahr 1979, also fünfundzwanzig Mal, sollte er es dirigieren, und in seine Ära fiel der Beginn der Live-Übertragung durch den ORF, mit deren Hilfe die Strauß-Hommage zum Jahresbeginn rasch zu einem internationalen Ereignis wurde. Neben der Musik der Familie Strauß, neben dem speziellen Datum, dem Goldenen Saal und der Wiener Musiziertradition war die telegene Erscheinung Willi Boskovskys ein wesentlicher Faktor für die unerhörte Popularität des Konzerts: Obwohl er selbst beim Zusammenbruch der Habsburgermonarchie erst neun Jahre alt gewesen war, verkörperte er jenes ideale k. u. k. Österreich, das außerhalb der Strauß'schen Musik nur in nostalgischen Träumen existiert(e), wobei der Zauber, den er beschwor, noch dadurch verstärkt wurde, daß er – wie einst der Walzerkönig – auch zur Geige griff.

Dabei war der Beginn seiner Ära alles andere als viel versprechend gewesen, was nicht zuletzt an seinem Vorgänger lag. Clemens Krauss hatte das Konzert in insgesamt zwölf Produktionen (1941-1945, 1948-1954) zu einem weit über Österreichs Grenzen bekannten Ereignis gemacht und musikalische Standards gesetzt. Wie sehr er das Neujahrskonzert "monopolisiert" hatte, zeigte sich nach seinem Tod im Mai 1954. Überraschend spät, nämlich am 8. September 1954, beriet die Philharmonische Hauptversammlung erstmals darüber, wer denn nun die nächste Veranstaltung leiten sollte, und traf zwar keine personelle, dafür aber eine grundsätzliche Entscheidung: "Neujahrskonzert ohne Dirigent, 1. Konzertmeister als Stehgeiger"1, lautete das Resümee. Dann aber wurden anscheinend Bedenken gegen eine derartige Lösung wach. Am 29. Oktober gab es jedenfalls zunächst ein Votum darüber, ob das Neujahrskonzert nach dem Tod von Krauss überhaupt weitergeführt werden solle, was mit einer Gegenstimme bei 72 Anwesenden angenommen wurde. Ansonsten tendierte man nun dazu, doch wieder einen Dirigenten einzuladen, und die Abstimmung brachte einige Überraschungen: Erich Kleiber wurde mit nur einer Gegenstimme vorgeschlagen, nach ihm rangierten der Komponist (und damalige Operndirektor) Franz Salmhofer mit 37 und Josef Krips mit 24 Ja-Stimmen, während Wilhelm Furtwängler, ansonsten der unbestritten führende Dirigent dieser Zeit, lediglich zwei Mitgliedern für dieses spezifische Genre geeignet erschien2 (wobei eine Entscheidung für Furtwängler die Fortführung dieses Konzerts möglicherweise schwer bedroht hätte – am 30. November 1954 starb Wilhelm Furtwängler im Alter von 68 Jahren).

Am 25. November 1954 stand die Hauptversammlung vor dem nächsten Problem: Erich Kleiber hatte die Leitung des Konzerts abgelehnt. In der folgenden Beratung wurden Rat- und Konzeptlosigkeit offenbar: Nach dem letzten Beschluß wäre Salmhofer der nächste Kandidat gewesen; nun aber wurden Zweifel an dieser Entscheidung laut, so daß der damalige Vorstand Erich Obermeyer nochmals darüber abstimmen ließ, "ob Boskovsky dirigieren soll. Ergebnis: 32 ja, 12 nein, 1 [Max] Schönherr, 1 Krips, 1 Salmhofer."3 Am 13. Dezember, also etwa 14 Tage vor Probenbeginn, einigte sich das Komitee mit Konzertmeister Boskovsky über technische Details, und erst jetzt konnte die Veranstaltung, nach der "starke Kartennachfrage"4 bestand, als gesichert angesehen werden. Somit war letztlich eine "Jahrhundertentscheidung" gefallen – die zunächst so mühevoll und nur "etappenweise" zustande gekommene Wahl sollte sich als idealer Glücksgriff entpuppen.

Boskovsky begann seine Tätigkeit mit einer kollegialen Geste: Er verzichtete auf jedwedes Honorar, worauf ihm das Plenum einen wertvollen Ring überreichte.5 Von den nächsten Jahren sind keine Abstimmungen oder Debatten über den Dirigenten des Neujahrskonzerts festgehalten. Boskovsky behielt die Leitung bei, beharrte aber im Jänner 1957 erneut darauf, keine Gage anzunehmen, was zum einstimmigen Beschluß führte, ihm 5 000 Schilling Honorar zu bezahlen.6

In den 25 von ihm geleiteten Neujahrskonzerten beschränkte sich Willi Boskovsky keineswegs auf gesicherte "Highlights" aus dem Repertoire der einzigartigen Musikerdynastie; in enger Zusammenarbeit mit dem kongenialen Regisseur Dr. Hermann Lanske – der übrigens während der Proben für das erste Neujahrskonzert der "Nach-Boskovsky-Ära" im Übertragungswagen zusammenbrach und verstarb – bemühte er sich vielmehr zunehmend um die Erarbeitung eines breiteren Spektrums aus dem Schaffen der Familie Strauß, wobei Johann und Josef Strauß eindeutig dominierten. Mit rund hundert verschiedenen Werken und etwa 320 Aufführungen (den "Donauwalzer" nicht mitgezählt) stellten die beiden Brüder beinahe 90 Prozent des Programms. Der Anteil von Eduard Strauß, nämlich acht Werke und dreizehn Aufführungen, entsprach den künstlerischen Welten, welche den überaus begabten jüngsten Vertreter der Strauß-Dynastie von seinen beiden genialen Brüdern trennen, während Johann Strauß Vater ebenso wie seinem Konkurrenten und Freund Josef Lanner zu wenig Augenmerk geschenkt wurde – sieben Werke und elf Aufführungen von Vater Strauß (natürlich ohne den "rituellen" Radetzkymarsch) bzw. lediglich vier Kompositionen und neun Wiedergaben von Lanner entsprachen weder der musikhistorischen Bedeutung noch der Qualität dieser beiden Komponisten, welche den Wiener Walzer in der klassischen Form schufen. Bemerkenswert war die Konsequenz, mit der sich Willi Boskovsky und Hermann Lanske auf Strauß und Lanner konzentrierten: Mit Carl Michael Ziehrer (drei Aufführungen), Franz Schubert und Franz von Suppé (je eine Wiedergabe) standen nur drei "Außenseiter" auf dem Programm.

Obwohl die Ära Willi Boskovskys ebenso zeitlos zu sein schien wie die Musik der Strauß-Dynastie, mußte sie einmal zu Ende gehen. Als der Künstler im Oktober 1979 krankheitshalber für das Neujahrskonzert 1980 absagte, fiel quasi auf Raten eine Grundsatzentscheidung: Der damalige Vorstand Alfred Altenburger betraute den designierten Operndirektor Lorin Maazel mit der Leitung des Konzerts. Die Übergabe an einen Dirigenten von internationalem Rang war prinzipiell logisch und richtig – Willi Boskovsky erwies sich als singuläre Erscheinung, die nicht von einem anderen Konzertmeister kopiert werden konnte; andererseits erwies es sich aber auf Dauer nicht mehr als zeitgemäß, mit einem einzigen Dirigenten eine neue Ära zu prägen. Nach sieben erfolgreichen Konzerten mit Lorin Maazel (1980-1986) ging das Orchester dazu über, jedes Jahr einen anderen Künstler aus dem Kreis der Abonnementdirigenten einzuladen. Seither standen Herbert von Karajan (1987), Claudio Abbado (1988, 1991), Carlos Kleiber (1989, 1992), Zubin Mehta (1990, 1995, 1998), Riccardo Muti (1993, 1997, 2000, 2004), Lorin Maazel (1994, 1996, 1999, 2005), Nikolaus Harnoncourt (2001, 2003) und Seiji Ozawa (2002) am Pult, und im kommenden Jahr 2006 wird mit Mariss Jansons ein weiterer "Stammgast" unseres Abonnements beim Neujahrskonzert debütieren.

 

Die Ära Willi Boskovsky bleibt somit ein singulärer Meilenstein in der Geschichte dieses Konzerts. Erfreulicher Weise haben der ORF, der im Laufe der Jahrzehnte ebenfalls das Neujahrskonzert entscheidend förderte, und die Deutsche Grammophon das "goldene" Jubiläum von Boskovskys Debüt zum Anlaß genommen, um in Zusammenarbeit mit seiner Witwe Elisabeth Boskovsky auf einer bemerkenswerten DVD diese für unser Orchester so wichtige Epoche zu dokumentieren. Das Resultat ist berührend: Der Charme, mit dem Willi Boskovsky diese Musik präsentiert, ist ebenso zeitlos wie das Werk der Strauß-Dynastie selbst, während gleichzeitig die Zusammenstellung hinsichtlich der mitwirkenden Musiker, der Aufnahmetechnik und der Bildregie beträchtliche Unterschiede aufweist und damit an einem winzigen Mosaikstein bewußt macht, welchen Veränderungen die Welt ununterbrochen ausgesetzt ist – und wir Menschen mit ihr. Die Kassette enthält den kompletten zweiten Teil des Neujahrskonzerts 1974 (auch dies Kulturgeschichte en miniature – bis inklusive 1990 wurde stets nur der zweite Teil des Konzerts übertragen!) sowie neunzehn Aufnahmen aus den Jahren 1963 bis 1979.

Willi Boskovsky, der von 1939 bis 1970 als Konzertmeister das künstlerische Erscheinungsbild unseres Orchesters prägte und von 1955 bis 1979 als Leiter des Neujahrskonzerts wesentlich dazu beitrug, diese Hommage an die Dynastie Strauß zu einem internationalen Großereignis zu machen, wurde von den Wiener Philharmonikern mit dem Ehrenring, der Nicolai-Medaille und der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet. Darüber hinaus hat er seinen festen Platz in der Geschichte unseres Ensembles – und dies entspricht dem Empfinden zahlloser Musikfreunde in aller Welt, die ihn live oder via Bildschirm erlebten und für die er der "klassische" Interpret dieser "wienerischsten" Musik ist, die je geschrieben wurde.

1 Historisches Archiv der Wiener Philharmoniker (HA/WPH), A-Pr-035-13.
2 HA/WPH, A-Pr-035-18.
3 HA/WPH, A-Pr-035-22.
4 HA/WPH, A-Pr-035-23a.
5 HA/WPH, A-Pr-035-28.
6 HA/WPH, A-Pr-035-40.

 

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