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Das Philharmonische Tagebuch

Di, 16. März 2010

Nachrichten

 

Professor Franz Mailer zum Gedenken

Die Musikforschung hat eine ebenso verdienstreiche wie charismatische Persönlichkeit verloren, die Wiener Philharmoniker trauern um einen Freund, der einen wichtigen Teil ihrer Geschichte mitbestimmte: Am 15. Jänner 2010 verstarb Professor Franz Mailer im 90. Lebensjahr in Waidhofen/Ybbs.

Professor Franz Mailer in der
Kanzlei der Wiener Philharmoniker
be der Überreichung der
"Franz-Schmidt-Medaille
in Gold", 1990
(Historisches Archiv der
Wiener Philharmoniker)

Franz Mailer wurde am 21. September 1920 in Wien geboren und studierte nach dem Gymnasium Kunstgeschichte und Musikwissenschaft an der Universität Wien. 1946 trat er der „Österreichischen Kulturvereinigung" bei, welche u. a. die ersten Nachkriegs-Gastspiele des Wiener Burgtheaters in Niederösterreich organisierte, und wirkte zudem als Organist und Chorleiter. Ein Jahr später schlug er eine andere Laufbahn ein: Als Journalist und zuletzt Ressortleiter war er bei „Kurier", „Kleines Volksblatt" und „Neues Österreich" tätig. 1951 wurde er Mitarbeiter des Österreichischen Rundfunks, wo er in rund vier Jahrzehnten viele erfolgreiche Sendereihen gestaltete: „Die Soirée", „In der Opernloge", „Nichts als Freude mit Musik" (rund 500 Folgen) oder „Perpetuum mobile" (56 Sendungen über Johann Strauß).

Im Jahre 1963 wagte Franz Mailer den Schritt zum freien Schriftsteller und übersiedelte nach Starnberg, wo er etwa 200 Produktionen für den Bayerischen Rundfunk, den WDR Köln und andere Sender gestaltete. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit lag dabei auf Österreich: Mit „Geschichte des Wienerliedes", „Geschichte des Wiener Kabaretts", „Wiener Komödienlieder", Einzelsendungen über Ralph Benatzky, Philipp Fahrbach, Fritz Kreisler, Oscar Straus und die Strauß-Dynastie, über Peter Altenberg, Egon Friedell, Anton Kuh, Alfred Polgar und Helmuth Qualtinger sowie über die Kaiserinnen Maria Theresia und Elisabeth profilierte er sich als erstrangiger Forscher und vielseitiger Autor.

1972 kehrte er nach Österreich zurück, ließ sich in Waidhofen/Ybbs, der Geburtsstadt unseres Ersten Konzertmeisters Rainer Küchl, nieder und gestaltete für den ORF Sendereihen, die noch heute im Bewußtsein weiter Publikumskreise nachwirken („Von Tänzern und Geigern", „Unter dem Doppeladler", „Gold und Silber"). Gleichzeitig trat er – logische Konsequenz seiner jahrzehntelangen Forschungstätigkeit! – auch als Buchautor auf den Plan. Sein Erstlingswerk galt dem „Walzerkönig": „Das kleine Johann Strauß-Buch" erschien 1975, erfuhr in der Folge mehrere Auflagen und wurde auch in verschiedene Sprachen übersetzt. „Genie wider Willen", die Biographie von Josef Strauß, dem sensibelsten, nach den Aussagen seines Bruders Johann sogar begabteren Angehörigen der Dynastie, erschien zwei Jahre später. Es folgten „Johann Strauß, Briefe und Dokumente" (zehn Bände, 1983-2009), „Oscar Straus, Weltbürger der Musik" (1985) sowie die kommentierten Werkverzeichnisse von Johann und Josef Strauß: „Freuet Euch des Lebens" und „Mein Lebenslauf ist Lieb' und Lust" sind seither Standardwerke für jedwede fundierte Auseinandersetzung mit den beiden Komponisten, basieren sie doch auf Professor Mailers wissenschaftlichem „Credo", demzufolge ein wahres Verständnis der Musik der Strauß-Dynastie ohne umfassende Kenntnis des musik- und kulturhistorischen wie des politischen Hintergrundes nicht möglich ist.

Riccardo Muti und Franz Mailer bei
einer Probe zum Neujahrskonzert
2004 (Historisches Archiv
der Wiener Philharmoniker)

Weitere Meilensteine ergaben sich gewissermaßen von selbst. Franz Mailer erstellte in akribischer und konsequenter Arbeit handschriftliche Partituren der Brüder Strauß, war maßgeblich an der Gesamtaufnahme ihres Oeuvres beteiligt, wurde 1992 Präsident der Johann-Strauß-Gesellschaft Wien und initiierte die Gründung der „Strauß-Edition Wien", in deren Rahmen die erste Gesamtausgabe der Kompositionen von Johann und Josef erfolgt. Ein „Nebenprodukt" der rastlosen Tätigkeit Franz Mailers war der Aufbau eines beeindruckenden Privatarchivs über das kulturelle Geschehen in Wien während der Jahre 1815 bis 1914; sein Notenarchiv umfaßt nicht nur die Werke von Johann und Josef, sondern auch jene des „Ersten Walzerkönigs" Johann Strauß Vater.

Die Liste der Auszeichnungen, die Franz Mailer verdientermaßen erhielt, ist kaum überschaubar: Berufstitel Professor (1975), Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (1981), Silberne Ehrenmedaille der Stadt Wien (1983), Kulturpreis der Stadt Waidhofen/Ybbs (1992), Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (1999), Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Niederösterreich (2000), Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (2000), dazu die Ehrenmitgliedschaft zahlreicher internationaler Strauß-Gesellschaften…

Eine Auszeichnung erwähnte Professor Mailer im privaten Gespräch wie bei offiziellen Anlässen immer voll Stolz: Die „Franz-Schalk-Medaille in Gold" der Wiener Philharmoniker, die ihm auf Beschluß der Hauptversammlung im Jahre 1990 verliehen wurde. Dieser Ausdruck des Dankes galt Mailers Verdiensten um die Strauß-Dynastie, vor allem aber um das Neujahrskonzert. 1979 wurde er als Konsulent unseres Orchesters mit der Programmgestaltung dieses musikalischen und medialen Großereignisses betraut, von dessen allererstem Beginn er einer der letzten Zeitzeugen war: Am 31. Dezember 1939 besuchte er mit seiner Mutter die erste, von Clemens Krauss dirigierte Strauß-Hommage zum Jahreswechsel, welche ab 1941 auf den 1. Jänner verlegt wurde und mittlerweile in über 70 Länder via Fernsehen und Radio verfolgt werden kann. Als Verantwortlicher für das Programm des Neujahrskonzerts setzte er durch beinahe dreißig Jahre bleibende Maßstäbe hinsichtlich dessen innerer Dramaturgie, der Suche nach Ausgewogenheit zwischen bekannten und unbekannten Werken, der behutsamen Ausweitung auf der Strauß-Dynastie nahestehende Komponisten und der Verbindung mit historischen Gedenktagen.

Das gewaltige Lebenswerk, die Darstellung der Beziehung zu unserem Orchester, die Aufzählung der Ehrungen – all dies vermag das persönliche Erlebnis nicht zu ersetzen, welches jede Begegnung mit Professor Mailer vermittelte. Selbst in den letzten Lebensjahren, in denen er schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen und Schicksalsschläge hinnehmen mußte, welche nur die hingebungsvolle Betreuung durch seine Frau Christa erträglich machen konnte, faszinierte er bei jedem Gespräch durch die Verbindung von lückenlosem Detailwissen mit großzügigem Denken in weiten (kultur-)historischen Dimensionen sowie durch das jugendliche Feuer, mit dem er sich jeder Fragestellung widmete. Und wenn man miterlebte, wie er jederzeit „auf Knopfdruck" die Themen selbst unbekannter Walzer oder Polkas der „Sträuße" singen konnte, dann blieben dem ausübenden Musiker nur Staunen und vorbehaltlose Anerkennung. Sein Charisma zog auch die großen Interpreten in ihren Bann: Unvergeßlich die offenen, aber von beiden Seiten mit größter Ehrerbietung ausgetragenen Diskussionen mit Nikolaus Harnoncourt über das Programm des Neujahrskonzerts, zutiefst bewegend die persönliche Zuneigung, die ihn mit Riccardo Muti verband, der Respekt, den Mariss Jansons ihm erwies, die Anerkennung durch Lorin Maazel oder die Mischung aus Scheu und Bewunderung, die Carlos Kleiber ihm gegenüber an den Tag legte.

Zwei Wochen nach dem von Georges Prêtre geleiteten Neujahrskonzert 2008, für das er noch einen ersten Programmentwurf geliefert hatte, an dessen Ausarbeitung er sich jedoch nicht mehr im gewohnten Umfang beteiligte, beendete Franz Mailer mit einem Schreiben seine Tätigkeit für die Wiener Philharmoniker, das sowohl von der Zuneigung zu unserem Orchester als auch von der Unsentimentalität des Forschergeistes geprägt ist, der über seine physischen Grenzen Bescheid weiß: „… wenn eine Sach' ein End hat" – mit diesem Zitat aus dem „Rosenkavalier" nahm Franz Mailer von uns Abschied für immer. Die Maßstäbe aber, die er setzte, werden Gültigkeit haben, solange es das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gibt.

--Dr.Clemens Hellsberg

 

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