Sommernachtskonzert 2026
20:45 Schloss Schönbrunn, Schlosspark, Wien, ÖsterreichWerkbeschreibung
Teufel, Götter, Antihelden und ganz viel Liebe
Das Programm des Sommernachtskonzerts 2026 führt hochkarätig in die Welt der Oper, Operette und des Musicals, in deren Nachbarschaft auch die Sphäre von Ballett und Tanz und die der Kirche liegt. Am Dirigentenpult feiert Lorenzo Viotti sein Debüt beim Sommernachtskonzert, wie auch der walisische Bassbariton Sir Bryn Terfel, den bereits seit Jahrzehnten eine enge Zusammenarbeit mit dem Orchester in Oper und Konzert verbindet.
Am Beginn steht mit Franz von Suppè ein Vertreter der Wiener Operette, der sich von seinen Zeitgenossen nicht nur durch seine dalmatische Herkunft abhob, sondern auch durch seine einfallsreichen Ouvertüren. Mit ihren Husaren- und Csárdás-Anklängen führt die Leichte Kavallerie als erste Operette in eine weitere Region der Habsburgermonarchie: nach Ungarn. Auf der Bühne hatte es das 1866 am Wiener Carltheater uraufgeführte Militärstück jedoch schwer. Die habsburgische Niederlage gegen Preußen, der Verlust der noch verbliebenen italienischen Gebiete und das neu zu regelnde Verhältnis mit dem Königreich Ungarn ließen das Publikumsinteresse schwinden – mit Ausnahme der Ouvertüre. Sie schaffte es später sogar als Torhymne ins Stadion des deutschen Fußballbundesligisten Eintracht Frankfurt oder in Frank Zappas Song Jesus Thinks You’re A Jerk.
Zeitgleich zur Etablierung der Wiener Operette schlug Arrigo Boito im jungen Königreich Italien neue Wege für die Oper ein. Gegen konservative kulturelle Tendenzen begehrte in Mailand die junge Gruppe der Scapigliatura (»die Zersausten« oder »Strubbelköpfe«) auf. Der mit deutscher Literatur vertraute Boito wagte 1868 in seinem Mefistofele den Neuaufbruch mit Johann Wolfgang von Goethes Faust-Tragödie, die es zuvor mit Hector Berlioz und Charles Gounod vor allem auf französische Bühnen geschafft hatte. Der diabolische Titelheld tritt als »Geist, der stets verneint« mit einer Arie auf, die Goethes Vorlage in ein frech-dramatisches Gewand kleidet und im teils gepfiffenen Refrain die Konventionen sprengt.
Als Wegbereiter der modernen italienischen Oper beeinflusste Boito maßgeblich die jüngere wie auch die ältere Komponistengeneration Italiens. Giacomo Puccini schlug mit seinen Bühnenwerken mit der naturalistischen Darstellung tragischer Schicksale abseits der gehobenen sozialen Schichten den Weg des Verismo ein. Manon Lescaut wird als untreue Geliebte eines reichen Steuerpächters verhaftet und nach Louisiana strafdeportiert, wo sie in den Armen ihres mitgereisten Liebhabers Des Grieux in der Wüste verdurstet. Im Intermezzo sinfonico zeichnet Puccini Manons Gefangenschaft und Überstellung nach Le Havre nach und ergreift für seine ausgegrenzte Protagonistin Partei.
Als Librettist beflügelte Boito auch den fast dreißig Jahre älteren Giuseppe Verdi nach einer langen Schaffenspause zu seinen beiden späten Opern Otello und Falstaff, die beide auf Shakespeare-Stoffen beruhen. Im Falstaff – ihrer Version der Lustigen Weiber von Windsor, deren andere bekannte Vertonung vom Gründer der Wiener Philharmoniker Otto Nicolai stammt – ziehen Librettist und Komponist alle Register der komödiantischen Charakterstudie eines Antihelden. Als der mittellose Ritter John Falstaff zu Beginn der Oper zwei gleichlautende Liebesbriefe an zwei verheiratete Frauen schreibt, um an das Vermögen von deren Ehemännern zu gelangen, und dabei über adlige Ehre nachsinnt, legt ihm Boito eine heitere Variante von Mephistopheles’ Nihilismus in den Mund: »Was ist Ehre? Vermag sie etwas zu leisten? Nichts.«
Der Trepak ist ein in der Kultur von russischen und ukrainischen Kosaken verwurzelter Tanz im 2/4-Takt, der mit spektakulären Sprüngen, rhythmischem Stampfen und dem Kasatschok verwandten Schritten und Hüpfen in der Hocke getanzt wird. In die klassische Musik hielt der Trepak 1892 im Zweiten Akt von Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Ballett Der Nussknacker Einzug. Dort setzt er im »Reich der Süßigkeiten« zu den kulinarisch inspirierten Charaktertänzen von Schokolade, Kaffee, Tee und Ingwer einen Kontrapunkt.
Einen beschaulichen Kontrast zum ausgelassenen Tanz bietet die Adoration der afroamerikanischen Komponistin, Pianistin, Organistin und Pädagogin Florence Price. Ihre Werke erfahren in den letzten Jahren eine umfassende Wertschätzung, nachdem 2009 zahlreiche Manuskripte in ihrem ehemaligen Sommerhaus in Illinois entdeckt wurden. Adoration entstand 1951 für Orgel und erinnert mit seinem kontemplativen Duktus an ein Gebet, das im Amen endet. Im Sommernachtskonzert erklingt Elaine Fines Arrangement für Streichorchester.
Auch Erich Wolfgang Korngold musste als nationalsozialistisch verfolgter Emigrant seinen Platz in den USA erst finden. Seine zweite Karriere machte der renommierte Opernkomponist in Hollywood mit Filmmusiken. Wie fest Korngold trotzdem noch in seiner Heimatstadt Wien verwurzelt war, zeigt sich in seinen Bearbeitungen der Operetten von Johann Strauß im nachromantischen Stil der 1920er und 1930er Jahre, von denen sich Eine Nacht in Venedig bis heute auf den Spielplänen hält. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte er, sich als klassischer Orchesterkomponist wieder in Europa zu etablieren, stand stilistisch aber der Nachkriegsavantgarde denkbar fern. In seiner Straussiana blickte er 1953 nostalgisch aus Kalifornien nach Wien, indem er sich erneut Strauß-Partituren vornahm: zunächst die Neue Pizzicato-Polka, die als Zwischenaktmusik in die Operette Fürstin Ninetta Eingang gefunden hatte; sodann die in eine Mazurka im Dreiertakt verwandelte Polka française Bitte schön! aus Cagliostro in Wien; schließlich einen Walzer aus der Oper Ritter Pásmán, die 1892 von den Mitgliedern der damaligen Wiener Philharmoniker in der Hofoper uraufgeführt worden war. Typisch für Korngolds schillernde Orchesterfarben sind die von ihm ergänzten Schlaginstrumente, das Klavier und die Harfe, der erweiterte Einsatz der Holzbläser sowie schluchzende Streicheraufschwünge. Korngold hatte die Wiener Philharmoniker in der Zwischenkriegszeit mehrfach dirigiert, daher erweist ihm das Orchester mit der philharmonischen Erstaufführung der Straussiana nun seine Reverenz.
Mit Richard Wagners Rheingold, dem ersten Teil seiner Tetralogie Der Ring des Nibelungen, erinnern die Wiener Philharmoniker an deren Gesamturaufführung 1876 in Bayreuth mit der Eröffnung des Festspielhauses auf dem »Grünen Hügel«. Durch den Dirigenten der Uraufführung Hans Richter, der von 1862 bis 1866 als Hornist Mitglied der Wiener Philharmoniker war und dann von 1875 bis 1898 am Pult der philharmonischen Abonnementkonzerte stand, gibt es unmittelbare Verbindungen der Wiener Philharmoniker zu Bayreuth. Musiker aus ihren Reihen wirkten auch im Bayreuther Festspielorchester mit. »Abendlich strahlt der Sonne Auge; in prächt’ger Glut prangt glänzend die Burg«, singt Göttervater Wotan vor dem Einzug der Götter in das nicht zuletzt mithilfe eines Vertragsbruchs neu errichtete Walhall. Der strahlende Glanz wird in den drei folgenden Teilen des Rings freilich dramatisch verblassen.
Auf der französischen Gegenseite Wagners stand der ungemein produktive Jules Massenet, dessen Opern Manon und Werther zugleich den thematischen Bogen zu Puccini und Boito schlagen. Die 1894 uraufgeführte Thaïs atmet dagegen deutlich den Geist des Fin de siècle: Im frühchristlichen Ägypten versucht der Mönch Athanaël, die Schauspielerin und Prostituierte Thaïs zu einem keuschen Leben zu bekehren. Darüber meditiert Thaïs in Violinklängen, während der Moralapostel vor ihrem Haus schläft – oder möglicherweise auch nicht… Die Szene findet zwar vor geschlossenem Vorhang statt; die durchaus süßliche Musik regte das Publikum dafür umso expliziter an, sich die Erotik dieser Entsagungsmeditation auszumalen. Mit der »Méditation« steht erstmals seit über 100 Jahren wieder ein Instrumentalwerk Massenets auf einem Konzertprogramm der Wiener Philharmoniker.
Nach diesen Abend- und Nachtmusiken steht am Beginn von Maurice Ravels zweiter Orchestersuite, die er 1913 aus seinem Ballett Daphnis et Chloé zusammenstellte, ein »Tagesanbruch«. Das einaktige Ballett basiert auf einem antiken griechischen Liebesroman von Longos und spielt auf der Insel Lesbos. Zu betörend magischen Klängen erwacht der Hirte Daphnis und trifft seine Geliebte wieder. Die Schäferin Chloé war zuvor von Piraten entführt worden. Die Musik kündigt darauf das Zusammentreffen des Liebespaares an. In der folgenden »Pantomime« schildert Ravel die großen Gefühle zwischen den Liebenden, die er in die mythischen Figuren Pan und Syrinx verwandelt. Nahezu ekstatisch mündet die Suite in den abschließenden »Allgemeinen Tanz«. Im Rahmen eines abendlichen Festes werden Daphnis und Chloé vereint: ein Szenario wie geschaffen für den Schauplatz des Sommernachtskonzerts im Schlosspark Schönbrunn.
Jerry Bocks 1964 am Broadway uraufgeführtes Musical Fiddler on the Roof zu Texten von Sheldon Harnick greift Erzählungen Scholem Alejchems auf, die zwischen 1894 und 1914 entstanden und von Joseph Stein für die Bühne adaptiert wurden. Im Zentrum stehen Episoden aus dem Leben des jüdischen Milchmanns Tevje im fiktiven russischen Schtetl Anatevka, die Alejchems eigene Erfahrungen in »Yehupetz« – so nannte er die ukrainische Hauptstadt Kyiv – in Erinnerung rufen. In »If I Were a Rich Man« wendet sich Tevje an Gott und wünscht sich genug Geld, um seine drei Töchter sorgenfrei verheiraten zu können. Wiederholt wird Tevje im Laufe des Musicals mit existenziellen Fragen konfrontiert. Doch seine Liebe zur Familie und den Menschen in seiner Umgebung, seine Lebensweisheit und sein Humor bestärken ihn, alle Widrigkeiten zu überstehen.
Silvia Kargl / Friedemann Pestel